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Als mein Sohn Levi diesen Sommer die Idee hatte, eine Mehrseillängen-Route zu klettern, war ich sofort Feuer und Flamme und überlegte, wie dies wohl am besten mit einem 10-Jährigen als Kletterpartner funktionieren könnte. Wir fragten seinen Freund Dimitri und dessen Vater Andreas, beide begeisterte Sportkletterer, und alsbald waren wir zwei Seilschaften, bereit für das erste grosse Abenteuer. Der Brüggler im Kanton Glarus sollte es sein.

Am Vorabend beim Packen beschlich mich ein mulmiges Gefühl. Mutete ich meinem Sohn zu viel zu? Hatte ich an alles gedacht? Mehrmals habe ich am eigenen Leib erfahren, wie schnell das Wetter in den Bergen umschlagen kann. Ich war nun nicht nur für mich verantwortlich, sondern auch für meinen Sohn, der sich unbeschwert und in vollstem Vertrauen mit mir in seine erste grosse Aktion am Berg stürzte. Ich dachte an die Stunden, die ich am nächsten Tag mit ihm in einer hohen Wand verbringen würde – verbunden nur durch ein Seil.

Die Wetterprognosen waren gut, wir assen eine grosse Portion Spaghetti zum Znacht und nach einer unruhigen Nacht standen wir um 5:00 auf. Eine zweite, nun kalte Portion Spaghetti, ein Müsli, eine Autofahrt und einen stündigen Zustieg später ragte die Wand, die es zu bezwingen galt, vor uns auf. Glatt, leicht geneigt, mit ein paar Rillen. Wie ein aufgeschnittener Parmesan. 

Kurze Besprechung mit der anderen Seilschaft: Wir entschieden uns für die Route „Grüner Plattenweg“: 6SL, 5a, 200m, mit der Möglichkeit, bei jedem Stand abseilen zu können. 

Unsere Rucksäcke waren prall gefüllt mit ausreichend Wasser, Essen für eine ganze Armee, den Zustiegs-Schuhen und Kleidern für alle Eventualitäten. Ich glaube, ich bin noch nie so beladen in eine Wand eingestiegen. 

Normalerweise rechne ich mit 30 Minuten pro Seillänge, nun kalkulierte ich eine Stunde. Behängt wie ein Christbaum mit 18 Expressen, Schlingen und Friends stieg ich in die erste Seillänge ein, der andere Vater sicherte mich vom Boden aus. 3c, sollte ja ein „Kinderspiel“ werden. Der erste Bolt schien mir recht hoch, die Route war doch mit „gut abgesichert“ beschrieben, aber egal, weiter ging’s. Nach dem zweiten Bolt schaute ich mich lange um und musste akzeptieren, dass das Blitzen in etwa fünf Metern Entfernung wirklich der Nächste sein musste. Ich dachte an die Kids, vor allem an die zweite Seilschaft, bei der, da Dimitri seinen Vater nicht sichern konnte, Dimitri die ganze Wand im Vorstieg meistern musste. Alsbald war ich beim ersten Stand, richtete den „gemütlich“ für vier Personen ein und sicherte Levi nach. Drei Meter hintendrein stieg bereits Dimitri ein und meisterte die erste Seillänge im Vorstieg bravourös. Als ich beide am Stand fixiert hatte, sicherte ich Andreas nach. Eine kurze Pause, die erste Wasserflasche wurde im Kreis herumgereicht. Kurz rechnen – wenn wir an jedem Stand so viel trinken, wird das Wasser knapp…!

Die zweite Seillänge ging schnell vorbei, der Fels war hervorragend, die Griffe schön, gerne hätte ich dem Erbauer für die beiden Kids ein paar Bolts mehr mitgegeben. Ich dachte an den Film vom Silbergeier und wie Cedric Lachat über die langen „Runouts“ referierte und hoffte, dass die Kids so motiviert bleiben würden.

Die dritte Seillänge ist schnell erzählt: Drei Friends platziert, Sanduhren gelegt und den Fels genossen. Diese 4c war nun die erste Herausforderung für die Kids und als wir beim Stand die erste Pause machten, der Helm kurz abgezogen wurde, sah ich, wie verschwitzt die Kids bereits waren. Wir liessen die beiden viel trinken.

Es war nun richtig heiss in der Wand und die beiden Seilhaufen sahen bedrohlich durchmischt aus. Auch war das Seil, da ich für meinen Sohn das „sicherste“ und dickste mitgenommen hatte, definitiv zu dick für mein Sicherungsgerät; es kostete mich unglaublich viel Kraft, zu sichern.

Gestärkt ging’s weiter, die nächste Seillänge war kurz, aber mit einer perfekten Rinne unglaublich schön! Sperren war eine grosse Herausforderung für die Kids – die Hitze, die körperliche und mentale Anstrengung hinterliess Spuren. Cliffbar, Apfel und ein paar Nüsse und nachdem wir das Seil erneut entwirrt hatten, ging’s weiter. Den Überhang bedrohlich über mir, bat ich die Kids das erste Mal, bitte mit Quatschen und Lärmen am Stand aufzuhören, da ich mich konzentrieren musste.

Die Route machte nun eine komische Ecke, ich stand vor einer blanken Platte. Das kann doch kein 4c sein, dachte ich, schaute rechts, da sah ich keine Bolts, die Platte war schön abgesichert, also stieg ich ein. Sie fühlte sich wie eine 6a an, der Seilzug war durch den Überhang plus den Ecken extrem stark, an normales Klettern war nicht zu denken. Ich zog jeweils zwei Meter Seil ein und kletterte dann die zwei Meter vor.

Ich dachte an die Kids und hoffte, dass alles gut gehe würde. Ich hängte Schlaufen an jeden Express, so dass sie sich daran hochziehen konnten. Fix und fertig kam ich beim Stand an und zog meinen Rucksack aus – ich hatte das Gefühl, als schleppte ich Material für zwei Wochen auf den Berg.

Im Nachhinein habe ich dann bemerkt dass ich mich in der Seillänge der Route nebenan verirrt hatte, deshalb auch die Ecke und dass die Platte weit über dem Niveau der Kids war.

Levi kam in Nachstieg, die Schlingen wurden rege gebraucht, komplett verschwitzt kam er bei mir an und setzte sich in eine kühle Spalte nebenan.

Ab dem zweiten Stand sicherten wir am Stand nicht mehr mit unseren Standschlingen sondern jeweils direkt mit einem Mastwurf am Seil, so konnte jeder sitzen, wo er wollte und es gab auch nicht mehr so ein Seilgewirr. Das Gewirr von Schraubkarabinern, Standschlingen und Sicherungsgeräten an den Ständen war schon so eine grosse Herausforderung.

Dimitri, im Vorstieg, war in grossen Nöten, es ging weder vorwärts noch rückwärts, die Schlingen waren zu weit weg. Durch den Überhang konnte ich mit seinem Vater nicht kommunizieren, fallen oder ausrutschen durfte er nun auf keinen Fall. Wir liessen von unserem Stand den mittleren Teil unseres Seiles zu ihm runter, (zum Glück hatte ich nicht nur unser dickstes, sondern auch das längste Seil mitgenommen) und erklärten ihm, wie man einen Achter in der Mitte des Seiles macht („aber da hats gar kein Ende zum Fädeln!“) und sicherten ihn auch noch von oben. Nun ging’s.

Die beiden letzten Seillängen waren nur noch Zugabe, unsere Flaschen bereits fast leer, wir tranken nur noch in Millilitern und genossen die letzten Züge. Ich schaute auf die Uhr, seit über 6.5 Stunden waren wir nun in der Wand.

Oben angekommen standen wir auf einem schmalen Grat, assen selbstgemachtes Studentenfutter und die Sandwiches und tranken den letzten Schluck Wasser. Die Aussicht war überwältigend, es wehte ein kühler Wind, heisse Luft stieg über die Wand zu uns hoch. Weit unten sahen wir die Autobahn, auf der wir immer in die Berge fahren – und wir werden diese Stelle nie mehr passieren, ohne zum Gipfelkreuz des Brügglers hochzuschauen und uns an dieses grossartige Abenteuer zu erinnern.

Packliste und wichtigste Punkte:

– Einfachseil, lieber zu lang als zu kurz

– Trinken, am besten aus einem Beutel! Wir hatten zu viert 8 Liter dabei und brauchten jeden Tropfen

– Genügend zu essen, kleine Portionen, einfach am Stand in den Händen zu halten. (Sandwich, gedörrte Früchte, Apfel, Nüsse und eine paar Energieriegel als Motivation)

– Friends

– Regenschutz, allenfalls Regenhose

– Sonnencreme

– Helme, bei vier Leuten auf so engem Raum lösen sich leicht Steine

– Genügend Expressen und Schlingen. Wir hatten 18 Express und 6 Schlingen dabei. Schlingen eignen sich bestens, um schwierige Stellen zu vereinfachen

– Kalk (Magnesium)

– Genug grosse Kletterfinken

– Bequemer Klettergurt

– Leichte Schuhe mit gutem Profil

– Compeed Pflaster und Notfallset

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